März 2020

Silberschauer - ›Ignoranten‹ •​ Covid19

Liebes Tagebuch,
nach langer Zeit der Lethargie schrieb mich unser Tonmann via Facebook an:

Hey, Stephan, ein Kumpel von mir hat einen „super Text”, den er gerne vertont hätte.

Da ich gerade durch die Corona-Krise nichts zu tun hatte, als meiner Frau und meiner Tochter in der Wohnung aus dem Weg zu gehen, damit ich sie nicht umbringe, dachte ich mir, dass es eine gute Abwechslung für den Alltag sei. Ich öffnete also den Link und las den Text.

Mein erster Gedanke war: Fabst wird ausflippen, wenn er erfährt, dass wir einen Song machen, der auf ein berühmtes Kinderlied zurückzuführen ist, welches allerdings dank neuer politischer Korrektheit in den Kinderzimmern nicht mehr erwünscht ist. Ich glaub, das sage ich ihm besser nicht!

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Der Text nannte sich: ›Zehn Ignoranten‹. Es ging um die Selbst-Dezimierung einer Randgruppe, die in der Zeit von Corona entstand. Mit dem Reifegrad von Rechts­extremen und esoterischen Welt­verschwörern. Ich fand ihn gut, wusste aber nicht, ob ich ihn so verwenden darf. Also überlegte ich kurz und schrieb einfach eine neue Melodie, damit es wenigstens musikalisch keinen Ärger gibt.

Ja, nach langer Zeit habe ich mich wieder in den Rausch der Erschaffung neuer Sounds und Melodien ergeben. Von morgens um 07:00 Uhr bis spät abends. Und in der Stille der Nacht vernahmen meine Nachbarn das sanfte Brummen meiner Stimme, da ich den Text zuhause einsang.

Am nächsten Tag stellte ich das Lied Kali und .rhavin vor. Nur noch einige kleine Änderungen mussten gemacht werden, bevor es von allen für gut befunden wurde. Dann schrieb Jemand im Chat:

Jetzt müssen wir nur noch den Urheber des Textes ausfindig machen damit wir es veröffentlichen können.

Als ich das las, musste ich nochmals überlegen…

Hey, Stephan, ein Kumpel von mir hat einen „super Text”, den er gerne vertont hätte.

Kein Wort davon, dass der Kumpel den Text im Internet gefunden hatte. Toll! Ich hielt mich von dort an raus. Während Kali und .rhavin auf der Suche nach dem Verfasser waren, wollte ich meinen Rechner ausmachen und mich entspannen. Doch dazu kam es nicht, denn sofort ploppte .rhavin auf:

Hab die Verfasserin gefunden.

Echt jetzt? Nagut, entweder ist er ein genialer Stalker, der seine Opfer im null Komma nix in jedem sozialen Netzwerk anhand einer IP ausfindig machen kann, um sie in den Wahnsinn zu treiben, oder er hatte vorher schon mal nachgesehen. Aber auf Grund seines Gemütes und seiner liebevollen Art, mit Menschen umzugehen (abgesehen von seinen Computer-Kenntnissen) glaube ich bis heute, dass es Variante eins ist.

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.rhavin schrieb sie sogleich an und nach einem Tag hatten wir von Pu Ma die Erlaubnis, den Text verwenden zu dürfen. Wir waren nicht die Einzigen, die das Lied vertont haben. Ich schaute mir zwei drei Videos an, in denen Kleinkünstler den gleichen Text schalmeiten, wie ich es noch am Vortag tat. Mit dem Ergebnis war ich zufrieden: Wir hatten wenigstens eine eigene Melodie und einen eigenen Refrain. Aber kein Video! Nagut:

Wollen wir das so hochladen oder noch ein schnelles Video dazu machen?
Erstmal sofort raushauen und ein Video dann hinterherschicken.

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Ok, dann filmt eure momentane Situation mit Handy und schickt es mir. Ich mach da was draus.

Die Idee wurde für gut befunden und ich setzte mir eine Deadline. Die mp3-Version haben wir noch am selben Tag verschenkt und spätestens am kommenden Wochenende wollte ich das Projekt dann abgeschlossen haben.

.rhavin biolevel 2

Am folgenden Tag erreichten mich die ersten Videos. Drauf zu sehen war ein kostümierter .rhavin, der sich noch mehr kostümierte, um einkaufen zu gehen. Als ich die Videos von .rhavin so durchging, stellte ich mir die Frage, wie andere Menschen, die nur eine Schutzmaske trugen, wohl auf sein verstörendes Erscheinungs­bild reagiert haben. Die Frage blieb leider unbeantwortet. Dafür konnte ich aber sehen, dass auch in Siemensstadt die Nachfrage nach peripherer Reinigung weit über normal gestiegen sein muss. (Ich brauche langsam wirklich Klopapier!!)

Nachdem ich bis zum Freitag nur die Videos von .rhavins bekommen hatte, machte ich mir keine Hoffnung mehr, von den anderen noch etwas zu bekommen. Kurzer Musiker-Witz: Fünf Musiker treffen sich jeden Donnerstag pünktlich um 19:00 Uhr zur Probe. Ja, das ist auch der Grund, warum ich alle zu meiner Hochzeit eine Stunde früher bestellt hatte… aber ich schweife ab! Ich nahm mir also sämtliches Material, verpackte es zu einen Super Corona-Songvideo, legte dann einen Tiny Planet Effekt darüber und fertig hatten wir ihn.